Protokoll zum SI Bezirkstreffen Bezirk VI am 30.05.2015 Coburg: „Das Schicksal von Frauen auf der Flucht“

Im evangelischen Gemeindehaus „Contakt“ startet das Programm pünktlich um 09:00 Uhr mit einem reichhaltigen Frühstücks-Buffet für ca. 50 Sorores und über 20 begleitende Familienangehörige. Partner und Kinder werden um 09:30 zu einer Besichtigung der Brose-Werke begleitet.

 

Nach der Begrüßung durch die Coburger Präsidentin Ute Poerschke und der Kerzenzeremonie beginnt das Vortragsprogramm mit drei Vorträgen zum Themen-Focus „Der Wert des Lebens zu Hause und auf der Flucht“.

 

Zur Einführung blickt Bezirkspräsidentin Elisabeth Meisinger im ersten Vortrag ca. 200 Jahre zurück auf die große Welle deutscher Auswanderer Anfang des 19. Jahrhunderts, nach heutiger Lesart „Wirtschaftsflüchtlinge“, deren prekäre Situation nach dramatischen Ernteausfällen und Teuerungskrisen ihnen kaum eine Wahl ließ. Zwischen 1830 und 1930 verließen ca. 55 Millionen Menschen Europa. Ebenso wie heutige Flüchtlinge z. B. aus Afrika, vertrauten auch sie sich Schleppern an, zahlten für sich und ihre Familien Unsummen und überlebten die Flucht in der Hölle der Zwischendecks der damaligen Frachtschiffe zum großen Teil nicht. Die Schilderungen Überlebender erinnern in fataler Weise an die Katastrophenmeldungen von Boots-Flüchtlingen heute, über die nahezu wöchentlich in den Medien berichtet wird. Elisabeth mahnt in ihrem Vortrag eindringlich die Einhaltung der „Genfer Flüchtlingskonvention“ an, erinnert daran, dass nach dem 2. Weltkrieg über zwölf Millionen Flüchtlinge in Deutschland integriert wurden, angesichts derer sich 400.000 Flüchtlinge nach dem Kosovo-Krieg wie eine Petitesse ausnehmen und ruft dazu auf, Flüchtlinge nicht als krisenhafte Bedrohung, sondern als Chance für unser Land zu begreifen. Mit Artikel 13 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und einem Zitat von Papst Franziskus, der die europäische Flüchtlingspolitik als „Europäische Schande“ bezeichnet, beschließt sie ihren aufrüttelnden Impuls-Vortrag.

 

Christine Rottland berichtet im zweiten Vortrag dieses Vormittags von ihren Projekten unter dem Dach von „Asante e. V.“ in Tiwi im Südosten und Chugor im Westen Kenias, Projekten für Kinder, Mütter und Großmütter, die dort in z. T. unerträglichen Verhältnissen unterhalb der Armutsgrenze leben. Seit Jahren unterstützen wir als SI Coburg, zusätzlich auch einige Clubschwestern persönlich, aber auch zahlreiche weitere SI-Clubs in Deutschland diesen Verein intensiv. Frau Rottland berichtet über ihre Anfänge in Kenia 1998 bis zur mutigen Gründung von „Asante e. V.“ 2003 und der facetten- und segensreichen Entwicklung von Kindergärten und Schulen für verwaiste Kinder bis zum Häkelprojekt für Mütter und Großmütter, von dem inzwischen 68 Familien menschenwürdig leben können. Für zusätzliche Informationen verweise ich an dieser Stelle auf die homepage www.asante-ev.org/

Das Fazit der Zuhörerinnen war einmütig: Was für eine außergewöhnlich mutige Frau, was für eine unglaubliche Leistung und was für ein berührender, ergreifender und beeindruckender Vortrag!

 

Elisabeth Reichert, Gründungspräsidentin SI Fürth und Referentin für Soziales, Jugend und Kultur der Stadt Fürth, berichtet packend und kenntnisreich über die Fülle der Aufgaben und Herausforderungen, die durch die Ankunft mehrerer hundert Flüchtlinge in ihrer Stadt nahezu ohne jeglichen zeitlichen Vorlauf, quasi aus dem Stand, bewältigt werden mussten. Ohne ihre hervorragende Vernetzung, das ehrenamtliche Engagement vieler Bürger, großzügigste finanzielle und organisatorische Hilfe eines ortsansässigen Unternehmers aber auch ohne Elisabeths nimmermüde Kreativität, an allen Fäden gleichzeitig zu ziehen und dabei alle Beteiligten „sozialverträglich“ zu koordinieren, wäre diese Herkulesaufgabe nicht zu schultern. Notfalls verleiht sie ihren berechtigten Forderungen auch in Briefen an politisch Verantwortliche Nachdruck. Eloquent und fesselnd erhalten die Zuhörerinnen nebenbei auch eine Lehrstunde im Bezug auf Bürokratie, Ämterstrukturen und dem Balanceakt, unerwünschten radikal-politischen Gruppierungen angesichts dieser für Fürth neuen Thematik keine Chance zur Intervention zu geben.

 

Nach einer kurzen Kaffeepause steht der zweite Teil des Vormittags unter dem Thema „Die aktuelle Situation von Immigrantinnen im Umfeld von Coburg“. Ute Wallentin, Migrationsbeauftragte des Caritasverbands der Stadt Coburg, bestätigt in ihrem Vortrag die Erfahrungen ihrer Vorrednerin Elisabeth Reichert. Für Beide hat die rasche Erlernung der deutschen Sprache oberste Priorität. Beide weisen auf die Wichtigkeit interkultureller und interreligiöser Projekte hin. Ute Wallentin berichtet jedoch noch von folgender Kuriosität: Während Europäische Flüchtlinge eine sofortige Arbeitserlaubnis erhalten, haben sie jedoch einen erschwerten Zugang zu Sprachkursen und Sozialleistungen. Bei nicht-europäischen Flüchtlingen verhält es sich genau umgekehrt. Stellvertretend für zahlreiche Frauenschicksale stellt Ute Wallentin eine junge tschetschenische Zahnärztin vor. Sie ist Mitte dreißig und Mutter von drei Söhnen. Ihr Vater war bereits im aktiven Widerstand im ersten tschetschenischen Krieg von ca. 20 Jahren gegen die russische Diktatur, ihr Mann war ebenfalls regimekritisch aktiv. Nach ihrer Ausbildung zur Zahnärztin in Georgien kehrte sie gemeinsam mit ihrem Mann, von Beruf Lehrer, nach Tschetschenien zurück, wo er verhaftet und gefoltert wurde, ihnen jedoch die Ausreise auf legalem Wege verweigert wurde. Gemeinsam mit ihren Kindern blieb ihnen nur die Flucht, zunächst nach Polen, dann nach Deutschland. Hier ist ihnen bis heute eine Tätigkeit in ihren Berufen verwehrt. Abgesehen von den Traumata der Vergangenheit belastet beide schwer, zur Untätigkeit verurteilt zu sein und ohne eine Berufstätigkeit nicht selbst für den eigenen Unterhalt sorgen und sich somit auch nicht integrieren zu können. Auch dieser Lebensbericht zum Thema „Flucht“ bewegt und berührt alle Clubschwestern tief.

 

Nach einer regen halbstündigen Diskussion entlässt Moderatorin Anke Feuer das Auditorium zu ihren Partnern und Kindern in die wohl verdiente Mittagspause.

 

Der Nachmittag ist dem Bezirksprojekt gewidmet. Zunächst gab SI Bayreuth, Gewinner des letztjährigen Bezirksprojekts einen kurzen Überblick, wie das Geld verwendet wurde. Sechs Clubs, die sich beworben hatten, stellen im Anschluss daran ihre Projekte kurz vor. In der Bewertung, die im Vorfeld von den Clubs des Bezirks schriftlich eingegangen war, liegen alle Projekte dicht beieinander. Das zeigt, dass alle Projekte preiswürdig gewesen wären.

Das Preisgeld von ca. 3.000,-- € geht zu 2/3 an SI Würgau - Fränkische Schweiz für das Projekt „Berufsorientierter Deutschkurs für jugendliche Flüchtlinge“ und zu 1/3 an SI Coburg für das Projekt „Rucksack“ - ein Konzept zur Sprachförderung und Elternbildung im Elementarbereich für Mütter und Kinder mit Migrationshintergrund und Einheimische in Zusammenarbeit mit den Kitas der Stadt Coburg. Eine genaue Angabe des Preisgelds ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich, da noch nicht alle zugesagten Gelder eingegangen sind.

 

Während der Tagung wurde im Foyer die Wanderausstellung über die SOFIA-Projekte SID gezeigt, im Tagungsraum konnten sich die Teilnehmer anhand von Postern über die eingereichten Projekte der Clubs zum Bezirksprojekt 2015 informieren.

 

Eine weitere Ausstellung von Kinderzeichnungen „Kinder in der Welt von heute“ ergänzte die Tagung mit Darstellung unseres Themas aus der Sicht von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund. Anliegen war das Kennenlernen unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen mit ihren Besonderheiten in Lebens-, Sprach- und Essgewohnheiten.

 

Drei Führungen am Nachmittag und ein Sektempfang vor dem Spargelessen in unserem Clublokal „Goldenes Kreuz“ am Marktplatz in Coburg runden das Bezirkstreffen ab.

 

Annette Hildebrandt,

SI Coburg, Extensionbeauftragte SID Bezirk VI und VIII

 

 

 

Impressionen vom Bezirkstreffen


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