Ein Abend gegen das Schweigen
Am Montag, den 25. November, wurde die evangelische Morizkirche in Coburg zu einem Ort des Gedenkens und der Mahnung. Die Veranstaltung „Make the World Orange“ wurde maßgeblich von den Soroptimistinnen des SI-Clubs Coburg initiiert, die damit ein starkes Zeichen im Rahmen des „Internationalen Tages zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“, auch bekannt als „Orange Day“, setzten. Unterstützt wurden sie von der Kirchengemeinde St. Moriz, dem Arbeitskreis „Keine sexuelle Gewalt“ und dem Verein „Keine Gewalt gegen Frauen e.V.“.
Pfarrerin Silke Kirchberger eröffnete den Abend mit eindringlichen Worten und mahnte: Gewalt gegen Frauen ist nicht nur körperlich oder sexuell, sondern zeigt sich auch in sozialer Isolation, emotionalem Missbrauch und finanzieller Abhängigkeit. Eindrucksvoll untermauerte sie ihre Botschaft mit der erschütternden Statistik: Im Jahr 2023 wurden in Deutschland 360 Frauen ermordet – fast jeden Tag ein Femizid.
„Würden wir alle am Ende eines Jahres eine Schweigeminute für jede von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordete Frau abhalten, schwiegen wir über zwei Stunden. Gedächten wir aller Frauen, die einen Tötungsversuch überlebt haben, wären es sechs Stunden“, sagte Kirchberger. Nach diesen eindringlichen Worten hielt die gesamte Kirche eine Schweigeminute ab, um der Frauen zu gedenken, die Gewalt erleben oder erlebt haben.
Eine Linie aus orangefarbenen Schuhen zog sich eindrucksvoll vom Altar bis zu den Stuhlreihen und symbolisierte die erschreckende Realität häuslicher Gewalt. Sie stand stellvertretend für die 155 Frauen, die im Jahr 2023 von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet wurden – Opfer, die in der Anonymität statistischer Zahlen oft vergessen werden.
Der musikalische Auftakt des Duos Darika mit Tina Turners „What’s Love Got to Do with It“ setzte einen sensiblen Einstieg in den Abend. Turners eigenes Schicksal als Überlebende häuslicher Gewalt verlieh dem Lied eine tiefere Bedeutung und schlug eine eindrucksvolle Brücke zum zentralen Thema der Veranstaltung.
Im Mittelpunkt stand die bewegende Geschichte von Lisa, die von ihrem Partner Mirko auf grausame Weise ermordet wurde. Eine Lesung aus dem Buch „Gegen Frauenhass“ zeichnete die beklemmende Eskalation häuslicher Gewalt nach und verdeutlichte, wie tödlich sie enden kann. Die eindringliche Erzählung unterstrich die Dringlichkeit, Warnsignale ernst zu nehmen und rechtzeitig Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Die Farbe Orange, das Symbol der weltweiten Kampagne „Orange the World“, prägte den Abend: Viele Besucherinnen und Besucher trugen orangefarbene Kleidung oder Accessoires, um Solidarität mit den Betroffenen zu zeigen.
Im Anschluss an die Lesung bot der Abend Raum für Austausch und Diskussion. Fragen wie „Ist eine Frauenquote notwendig?“ und „Für Frauen ist der gefährlichste Ort ihr Zuhause?“ wurden ebenso thematisiert wie der Fall der Französin Gisèle Pelicot, die nach jahrelangem Missbrauch durch ihren Mann den Mut fand, vor Gericht zu kämpfen. Eine Besucherin betonte: „Gisèle Pelicot hat nicht nur allen Frauen, sondern der gesamten Welt einen Dienst erwiesen, den Prozess öffentlich stattfinden zu lassen.“ Für ihren Mut erhielt Pelicot symbolischen Applaus von den Anwesenden.
Mit Trillerpfeifen als Symbol der Überwindung, das schwierige Thema laut und klar zu adressieren, und dem Appell, nicht wegzuschauen, endete der Abend. Die Aktion, mitten in der Kirche laut zu trillern, verdeutlichte, dass es Mut braucht, die Sprachlosigkeit zu brechen und die Problematik in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken.
„Make the World Orange“ war nicht nur ein Gedenkabend, sondern auch ein Aufruf zum Handeln: die Männer müssen in dieses Thema mit einbezogen werden.
Die bewegenden Worte der Pfarrerin, die Geschichte von Lisa und der Mut von Frauen wie Gisèle Pelicot bleiben den Besucherinnen und Besuchern im Gedächtnis – als Mahnung und Motivation, für eine Welt ohne Gewalt einzutreten.
Michaela von Aichberger